Podcast

Mehr schaffen

Was hat es mit der Zahl 15.695 auf sich?

Wie können wir mehr schaffen? Warum sollten wir das überhaupt tun? Ist Prokrastination nicht auch etwas Gutes? Lucas und Gernot stellen sich die Sinnfrage. Außerdem geht’s um Zieldefinition, den Unterschied zwischen Effektivität und Effizienz sowie Tools und Techniken für das Zeitmanagement.

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Transkript

Lucas Dohmen: Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Folge des INNOQ Podcasts. Heute habe ich als Gast den Gernot. Hallo Gernot!

Gernot Starke: Hallo Lucas!

Lucas Dohmen: Wir werden heute über Zeitmanagement sprechen. Dazu gleich mehr. Erst einmal: Wer bist du denn, Gernot, und was machst du bei INNOQ?

Gernot Starke: Ich bin Gernot Starke, ich bin glaube ich einer der ältesten INNOQler, nicht einer der dienstältesten, aber seit knapp zehn Jahren bin ich als sogenannter Fellow dabei. Ich darf Artikel und Bücher schreiben, auf Konferenzen gehen und nebenbei die eine oder andere Projektsituation im Architekturbereich unterstützen.

Lucas Dohmen: Wieso beschäftigst du dich mit dem Thema Zeitmanagement? Was ist deine Motivation dafür?

Gernot Starke: Das hat bei mir wirklich eine ganz lange Historie. Während des Studiums und ich mag gar nicht sagen, in welchem Jahrzehnt des letzten Jahrtausends das gewesen ist, nicht dem letzten. Da habe ich meine erste Firma gegründet mit einem Partner. Ich hatte eine Freundin, die nicht in der Stadt gewohnt hat, in der ich studiert habe. Irgendwie war ich zeitlich ein bisschen pressiert und habe mich damals damit beschäftigt, wie ich es hinkriege, in der Zeit, die ich habe, alles zu schaffen, was ich damals schaffen wollte. Ich habe angefangen, mich damit zu beschäftigen, wie ich meine Zeit managen kann, so bin ich dahin gekommen. Und habe das irgendwie als ein Faible beibehalten.

Lucas Dohmen: Wieviel Zeit haben wir denn eigentlich so?

Gernot Starke: Lass mich mit der Frage an unsere Hörerinnen und Hörer beginnen: Was hat es mit der Zahl 15.695 auf sich? Liebe Hörerinnen und Hörer, ich sehe jetzt den Lucas grinsen, das könnt ihr leider nicht sehen. 15.695 ist eine - ja nachdem, wie man es betrachtet - ich finde, eine überschaubare Zahl. Das ist nämlich die Anzahl Tage, die sie noch zu leben haben, statistisch gesehen. Das klingt jetzt wie eine Todesdrohung. Nein, die wollte ich natürlich nicht aussprechen, aber 15.600 Tage bleiben uns noch statistisch übrig, wenn ich davon ausgehe, dass wir Hörerinnen und Hörer im Mittel ungefähr 33 Jahre alt sind und wir eine ungefähre Lebenserwartung von 76 - 78 Jahren haben werden. Das heißt, es bleiben uns noch ungefähr 43 Jahre im Durchschnitt, bis wir tot sein werden. Also nicht wir alle, sondern jeder einzelne von Ihnen. 43 Jahre mal 365 Tage macht 15.600 und ein paar Zerquetschte. Jetzt aber bitte nicht zu früh freuen, weil natürlich von jedem dieser Tage Schlafen, Anziehen, Aufräumen, Essen, Kinder in den Kindergarten bringen und so weiter wegfallen. Vielleicht haben Sie also noch 13 Stunden pro Tag, über die Sie quasi frei verfügen können, von 15.000 und noch ein paar Tagen, macht ungefähr 200.000 Stunden, die sie noch übrig haben und dann ist Ende, dann ist Licht aus.

Lucas Dohmen: Das klingt ja jetzt nicht soviel.

Gernot Starke: Ich fand das immer ernüchternd, mir diese Zahl vorzustellen, weil das ist echt nicht viel.

Lucas Dohmen: Ja. Wenn ich solche Berechnungen höre, muss ich immer an ein Buch denken, das ich als Kind von meinen Eltern vorgelesen bekommen habe: Momo von Michael Ende. Da gab es die grauen Herren und die haben immer die Leute davon überzeugen wollen, dass sie Zeit sparen sollen, diese sollten sie dann später im Leben verzinst zurück bekommen. Aber so ist das ja eigentlich nicht mit der Zeit im Leben. Was ist denn das Besondere an Zeit im Gegensatz zu anderen „Ressourcen“, die wir so im Leben haben?

Gernot Starke: Wir haben ja im Berufsleben oft mit dieser Ressource Geld zu tun. Wir arbeiten, damit wir Geld verdienen. Damit wir unsere Miete und unser Essen und so weiter bezahlen können. Diese Ressource Geld haben wir ganz gut im Griff, wenn wir mehr arbeiten, kriegen wir mehr davon oder wenn wir uns vielleicht besser bei unseren Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern verkaufen kriegen wir vielleicht mehr Geld davon und Zeit ist halt eine Ressource, die wir nicht kaufen können. Wir kriegen jeden Tag um Mitternacht 24 neue Stunden spendiert von irgendeiner höheren Macht, wer auch immer und das ist für alle Leute gleich. Wir können Zeit weder bunkern, noch können wir sie kaufen. Natürlich können wir uns gesund ernähren und Rückengymnastik machen, damit wir ein bisschen länger leben, aber das kostet ja auch wieder Zeit. Wir haben also keine Möglichkeit, diese uns gegebenen 15.000 Tage, diesen Zeitraum zu verlängern. Oder uns etwas dazu zu kaufen. Diese grauen Herren bei Michael Ende sind eine Fiktion. Wenn wir morgens aufstehen, sollten wir uns sehr, sehr bewusst sein, dass Zeit die einzige echt begrenzte Ressource ist, die wir als Menschen zur Verfügung haben. Ich persönlich betreibe Zeitmanagement, um mich selbst in die Lage zu versetzen, mir selbst zu helfen, mit diesen 24 Stunden, die ich am Tag habe, aus meiner persönlichen Perspektive sinnvoll umzugehen.

Lucas Dohmen: Und um das zu tun, beschäftigst du dich wahrscheinlich auch mit dem Thema Ziele: Was möchte ich erreichen? Was verstehst du unter einem Ziel?

Gernot Starke: Lass uns vielleicht erst nochmal einen ganz kleinen Schritt zurückgehen: Zu Beginn meiner Berufslaufbahn habe ich auch Workshops zum Thema Zeitmanagement gemacht und dann haben mir Leute vorgeworfen: Zeitmanagement - da bist du doch total durchgetaktet und denkst an nichts anderes mehr als Projekterfolg und ich habe dann darauf geantwortet, was ich gerne auch in unsere Diskussion einwerfen möchte, dass Zeitmanagement beileibe nicht der Versuch ist, total systematisch durchzutakten und keinen Blick mehr für links und rechts zu haben, sondern dass Zeitmanagement eben genau darauf zielt, Ihre und eure persönlichen Ziele zu erreichen. Natürlich ist eines meiner Ziele, dass wir in meinem aktuellen Projekt, in dem ich gerade Software entwickle und Architektur betreibe, das Ziel schaffen, aber das ist ja nur eines meiner Ziele, die ich gerne in meinen 24 Stunden erledigen möchte. Mein Ziel, ein halbwegs ordentlicher Familienvater zu sein, mein Ziel vielleicht ein paar Wochen Urlaub im Jahr zu machen und vielleicht Dinge auf der Welt zu sehen, die ich vorher noch nicht gesehen habe - jeder von uns hat unterschiedliche persönliche Ziele. Aber ich möchte gerne Zeitmanagement für diese persönlichen Ziele betreiben. Das werden Ihre und unsere Arbeitgeber vielleicht nicht so gerne hören, dass das nicht das einzige Ziel ist, aber mir geht es wirklich um Zeitmanagement für die persönlichen Ziele. Jetzt zu deiner Frage - ich wiederhole die nochmal: Was hat es denn mit den Zielen auf sich? Wir können natürlich unsere Zeit für unsere Ziele viel besser managen, wenn wir unsere Ziele kennen. Jetzt sagt vielleicht jede und jeder von Ihnen: Klar kenne ich meine Ziele! Ich selbst - und ich habe das mehrmals für mich ausprobiert - ich kannte meine Ziele nicht. Ich kannte die nur vermeintlich. Und als ich dann vor einem leeren Blatt gesessen und versucht habe, meine Ziele aufzuschreiben, da ist mir erst klar geworden, wie wage die eigentlich sind oder waren. Sie sind dadurch, dass ich sie aufgeschrieben habe, viel präziser und greifbarer für mich geworden. Dadurch, dass ich einen Stift genommen habe und ein Blatt, in einem Raum, in dem mir niemand über die Schulter guckt. Mir also in einer sehr privaten Atmosphäre aufgeschrieben habe, was ich eigentlich erreichen möchte. Wo möchte ich im Leben mal landen, was möchte ich gerne im Leben schaffen. Ob das jetzt ist, dass ich alle van Gogh Ausstellungen der Welt besuchen möchte, dass ich gerne durch Kanada reisen oder segeln lernen möchte, ob ich eine Pilotenausbildung machen möchte, das ist ja völlig individuell. Das soll ja jeder und jede selbst bestimmen. Aber das müssen wir erst einmal explizit haben, was wir an Zielen haben, dann können wir darüber reden, wie wir das managen wollen.

Lucas Dohmen: Okay. Ich kann mir viele Ziele vorstellen, beispielsweise ‚Ich möchte unbedingt ein Unternehmen führen‘ oder ‚Ich möchte so reich sein wie möglich‘. Wären das für dich Ziele, die in diesem Rahmenwerk sinnvoll sind oder eher nicht?

Gernot Starke: ‚So reich sein wie möglich‘ würde ich als Ziel ausschließen, denn möglicherweise möchtest du mit diesem Reichtum ja etwas machen. Wenn du deinen Reichtum haben möchtest, weil du dir gerne ein eigenes Flugzeug leisten möchtest, dann musst du dafür schon ein bisschen Geld haben, aber du kannst diese Summe Geld, die du für das Flugzeug brauchst, mit einer kleinen Google-Suche beziffern. Du kannst sagen: Ich will total reich sein, weil ich gerne ein Flugzeug haben will und das einfachste einmotorige gibt es schon für - ich kenne mich damit nicht aus - aber das gibt es schon für folgende 100.000 Euro, dann kenne ich diese Messgröße. Geld um seiner selbst willen ist bestimmt für nur sehr wenig Leute ein vernünftiges Ziel. Dagobert Duck hat ja darin gebadet, wenn du also sagst: Ich will soviele Münzen, dass ich darin baden kann - okay. Das würden wir irgendwie schaffen. Aber so Ziele wie ‚Ich möchte gerne‘ - wir haben ja im Vorgespräch darüber geredet - ‚Ich möchte gerne mindestens drei Tage in der Woche im Homeoffice arbeiten‘ - das ist für mich ein schönes persönliches Ziel. Woran wir arbeiten können.

Lucas Dohmen: Und wie ist das mit den Zielen - wie oft überprüfst du, ob die noch aktuell sind? Machst du eine Bestandsaufnahme und überlegst nochmal: Haben sich meine Ziele verändert? Wie weit bin ich mit meinen Zielen? Wie gehst du damit um?

Gernot Starke: Nehmen wir mal an, ich hätte mir vorgenommen, ein Buch zu schreiben. Das kann ich mir vornehmen und sagen: Realistisch ist das vielleicht ein eineinhalb Jahre Projekt, so ein Buch. Ich muss mir ein Thema überlegen, ich muss losschreiben, mir ein Feedback holen, einen Lektor suchen, alles, was ich dafür tun muss. Ich möchte schon vorschlagen, dass wir nicht erst am Ende dieser eineinhalb Jahre sagen: Oh nein, es ist nicht fertig geworden, was ist jetzt passiert? Sondern dass wir, darin sind wir in der IT ja großartig geworden - mit iterativ-inkrementellem Arbeiten - dass wir da ab und zu mal überprüfen, ob das Ziel überhaupt noch aktuell ist, ob ich das wirklich noch will. Ich habe einen sehr guten Bekannten ein bisschen begleitet und gecoacht, der sich vorgenommen hatte, ein Buch zu schreiben und der mittendrin festgestellt hat, dass er total schlecht darin ist, Bücher zu schreiben. Dass er sehr, sehr gut darin ist, über einzelne Themen Vorträge zu halten, sich also sozusagen Kapitel aus seinem nicht existierenden Buch zu nehmen und darüber auf einer Konferenz, in einer Lesung oder in einem kleineren Kontext etwas zu erzählen, aber dass er das halt nicht gut aufschreiben kann. Dieser Mensch hat sein persönliches Ziel, das Buch schreiben, mitten im Weg ersetzt durch ‚Oh, ich möchte gerne auf Konferenzen gehen und zu Themen etwas erzählen‘ und mittlerweile hat er das Ziel erweitert auf ‚Ich möchte gerne auf internationale Konferenzen gehen, weil da sehe ich ja gleichzeitig noch etwas von der Welt‘. Zu deiner Frage, ob wir die Ziele überprüfen sollen: Ja. Nicht hektisch alle drei Stunden überprüfen, ob ich schon weitergekommen bin, das wäre kontraproduktiv, aber sich systematisch mal in den Kalender zu schreiben, dass man alle paar Monate mal seine großen Ziele und alle paar Wochen mal seine kleinen Ziele prüfen möchte, das halte ich schon für sinnvoll.

Lucas Dohmen: Okay. Und wenn wir uns unsere Ziele jetzt vor Augen geführt haben, dann müssen wir uns wahrscheinlich auch mit Thema Effektivität und Effizienz auseinandersetzen. Welche Rolle spielen diese zwei Begriffe in dem Bereich?

Gernot Starke: Auch da, Lucas, darf ich wieder einen kleinen Schritt zurückgehen mit den Zielen, nehmen wir das Buch. Es ist gefährlich, dass ich das jetzt sage, aber ich habe mir für dieses Jahr mal wieder ein Buch vorgenommen. Lass uns das erst einmal herunterbrechen in Actions. Lass uns also das große Ziel herunterbrechen in Dinge, die ich wirklich tun kann. Ich habe ein Github-Repository angelegt, ich habe mir Kapitel überlegt, das habe ich mit Hilfe einer MindMap gemacht. Ich habe zu diesen einzelnen Kapiteln Dateien angelegt. Ich habe mir für diese Dateien, diese Einzelteile, Personen überlegt, die das vielleicht reviewen oder mich unterstützen könnten. Ich habe mir also Schritte überlegt, die mich diesem Ziel näher bringen und ich glaube, das können wir verallgemeinern. Wir können uns für unsere Ziele Schritte überlegen, die uns diesem Ziel näher bringen. Das können große oder kleine Schritte sein. Und dann kann ich überlegen, wie ich diese Ziele auf den Zeitstrahl bringe, also was ist ein geeigneter Schritt, um damit loszulegen? Es ist vielleicht kein geeigneter Schritt, mit einem Verlag zu diskutieren, wenn ich noch nicht einmal ein Thema für das Buch festgelegt habe. Für viele Dinge gibt es ganz offensichtlich eine logische Abfolge solcher Schritte. Und jetzt komme ich schon wieder zurück zu deiner Frage nach Effektivität und Effizienz. Effektiv bedeutet für mich, dass etwas mich in Richtung meiner persönlichen Ziele führt. Effektiv ist eine Aufgabe, die ich ausführe, eine Tätigkeit, die ich durchführe, die mich einem meiner persönlichen Ziele näher bringt. Ich möchte gerne auf Effektivität fokussieren, ich möchte gerne, dass wir Dinge tun - also in einer gemanagten Zeit möchte ich, dass wir Dinge tun, die mich diesem persönlichen Ziel näher bringen. Das möchte ich unterscheiden von Effizienz. Effizient arbeiten heißt vielleicht zeiteffizient oder ressourceneffizient. Hier zu diesem Podcast mussten wir beide anreisen und wir haben uns halt einen effizienten Weg gesucht. Was ist der schnellste Weg, wie ich in unser – übrigens sehr, sehr cooles – INNOQ-Office im Mediapark in Köln anreisen kann? Ich bin Kölner, ich habe mich in den Bus gesetzt und bin hier hin gefahren. Niemand würde auf die Idee kommen und würde über Frankfurt an das andere Ende von Köln reisen, das wäre ineffizient. Effizient und effektiv können manchmal Hand in Hand gehen. Ich kann in Richtung meines persönlichen Zieles auch effizient arbeiten, aber ich kann es mit der Effizienz auch ganz leicht übertreiben und kann Dinge auf Performance oder auf Effizienz optimieren, die überhaupt nichts mit meinen persönlichen Zielen zu tun haben. Ich könnte beispielsweise den Keller aufräumen, was manche Mitgliederinnen unserer Familie sehr freuen würde, wenn ich das tun würde, aber es ist bei niemandem von uns in den persönlichen Zielen, dass der Keller klinisch sauber wird. Das könnten wir tun! Wir könnten das sehr effizient machen: Wir könnten uns Werkzeuge beschaffen und Staubsauger beschaffen, die das noch viel besser können und noch ein bisschen sauberer machen und das wäre überhaupt nicht effektiv. Darum stoße ich Menschen gerne an und sage: Überleg mal, ob das, was du da gerade tust, effektiv im Sinne deiner persönlichen Ziele ist. Wenn es das ist, dann darfst du gerne über Effizienz nachdenken. Dass du dein Kapitel ein bisschen schneller oder effizienter schreiben kannst oder mit weniger Overhead oder Schmerzen schreiben kannst, aber wenn das Schreiben des Kapitels kein persönliches Ziel ist, dann überleg, ob du es vielleicht lieber bleiben lässt.

Lucas Dohmen: Wenn man das auf die Programmierung zurückbringt, ist das ja diese Mikro-Optimierung, wo man einen bestimmten Prozess so schnell macht wie möglich, aber in Wirklichkeit wird er nur dreimal am Tag aufgerufen und es spielt gar keine Rolle. So ähnlich gibt es das im persönlichen Leben dann auch.

Gernot Starke: Ja, da bist du ja schon froh, wenn er überhaupt aufgerufen wird!

Lucas Dohmen: Genau!

Gernot Starke: Wenn wir den Code refaktorisieren, der nächste Woche gelöscht wird, dann könnten wir das vielleicht besser bleiben lassen.

Lucas Dohmen: Das erinnert mich ein bisschen an den Begriff vom Prokrastinieren, wo man Dinge löst, die gerade eigentlich nicht zielführend sind. Wäre das auch ein Fall von Ineffektivität?

Gernot Starke: Ja, ich lese erstmal die Zeitung zuende, bevor ich anfange, das zu tun, was wirklich auf mein persönliches Ziel einzahlt. Oder ich gehe doch noch mal einen Kaffee trinken, bevor ich anfange loszulegen. Beim Bücher schreiben, womit ich mich ein bisschen beschäftigt habe, da gibt es dieses ‚Blank Paper Syndrom‘, dass Leute Schwierigkeiten haben, anzufangen, wenn noch nichts da ist. Das ist beim Software entwickeln ja auch so, da müssen wir erstmal ein bisschen Overhead leisten, erstmal einen Build-Prozess einrichten und eine IDE soweit vorbereiten, dass wir loslegen können und diese Vorbereitung mögen wir vielleicht nicht so gerne, darum zaudern wir manchmal. Im Zeitmanagement gibt es da diesen sehr sperrigen Begriff des Prokrastinierens, des Zauderns oder Zögerns oder manchmal auch einfach Dinge tun, so Entschuldigungstätigkeiten: Ja, ich musste ja noch im Keller aufräumen. Nein, musstest du nicht. Du solltest gefälligst mal an diesem für dich wirklich wichtigen Ziel arbeiten oder etwas daran tun.

Lucas Dohmen: Du hattest eben auch schon das Thema angesprochen, dass wenn ich mein Buch herunterbreche auf die Aufgaben, was ich als nächstes tun kann, das klingt ein bisschen nach ‚Getting Things Done‘. Kannst du da vielleicht ein bisschen was zu erzählen?

Gernot Starke: Sehr gerne. Wenn wir jetzt ein paar Ziele haben - ihr habt vielleicht ein paar persönliche Ziele, ein paar Dinge, die ihr auf der Welt noch sehen wollt, ein paar Ziele, dass ihr ein paar Verwandte nochmal besuchen wollt, da kommen schon ein Dutzend oder so zusammen. Dann kommen noch die interessanten Projektziele dazu, weil ich vielleicht für mein aktuelles Projekt etwas bewirken will, ich habe inhaltlich ein paar Ziele, dass ich endlich mal Elixir lernen möchte oder was auch immer ihr machen wollt. Und wenn wir diese ganzen Ziele nicht systematisch managen oder die irgendwo festhalten, dann sind die alle in meinem Kopf und ich mache mir fürchterliche Sorgen, dass ich etwas Wichtiges vergesse. Also brauche ich irgendein Mittel. Ganz früher - ich bin ja schon alt - gab es Notizbücher, also so Papierbücher, wo man Seiten umblättern musste und konnte.

Lucas Dohmen: Ich glaube, die gibt es immer noch.

Gernot Starke: Ja, die gibt es noch. Ich brauche mittlerweile eine so starke Lesebrille, dass die unpraktisch geworden sind, sodass ich das auf dem Smartphone oder Computer viel geschickter finde. Ich habe immer ein System gesucht, in dem ich alles an Zielen, Aufgaben und den Überprüfungszeitraum hinein werfen kann und ganz sicher sein kann, dass es dort für mich sicher aufgehoben ist. Eine Art Bankkonto für meine Ziele und Aktivitäten. Dieses ‚Getting Things Done‘ ist eine Idee von einem Amerikaner, David Allen heißt der, der mit diesem ‚GTD - Getting Things Done‘ ein bisschen berühmt und ich glaube auch ziemlich reich geworden ist. Er hat sich überlegt, wie man das herunterbrechen kann. Er hat eine wirklich sehr einfache und wirkungsvolle Methodik geschaffen, die darauf basiert, dass es eine zentrale Stelle gibt, einen Sammelpunkt. Ob man da ein Notizbuch für nimmt, eine Kladde - Künstler, die Skizzen sammeln, wollen das vielleicht gar nicht elektronisch machen - ich mache das elektronisch. Ich habe ein Tool, das ich verwende, in dem ich einfach alles sammeln kann, was ich nach Zielen und so weiter organisieren kann. Wir beide benutzen zufällig das gleiche: OmniFocus. Das finde ich sehr angenehm zu benutzen, da kann ich Dinge hineinwerfen und kann sie dann auch irgendwann abhaken und mich freuen, dass ich etwas geschafft habe, dass ich etwas erledigt habe. Du benutzt das ja auch.

Lucas Dohmen: Ja, ich benutze es vor allem aus dem Grund, dass es ein schönes System hat, mit dem man Dinge erst einmal unstrukturiert sammeln und danach organisieren kann. Gerade, wenn man fokussiert an etwas arbeitet und dann ein Gedanke kommt, dann reisst einen das aus der Tätigkeit heraus. Ich möchte diesen Gedanken dann so schnell wie möglich weg bekommen, weil der sonst in meinem Kopf hängt und ich gar nicht mehr an meiner Tätigkeit weitermachen kann. Später kann ich das dann organisieren. Wahrscheinlich könnte ich das auch anders, aber mit OmniFocus funktioniert das für mich einfach sehr, sehr gut.

Gernot Starke: Aber vielleicht sagen wir das nochmal deutlich: Zeitmanagement oder Dinge erledigt kriegen hängt nicht an dem Tool. Es ist eine typische und unter uns IT’lern verbreitete Prokrastination, jede Menge Tooles zu evaluieren, danach, welches jetzt das Beste ist, um seine Zeit zu managen. Nein, liebe Hörerinnen und Hörer, ihr sollt nicht ein Tool auswählen. Versucht es einfach mal, indem ihr Sachen aufschreibt. Ein ganz einfacher gelber Zettel, wo ein paar Ziele draufstehen, ist ja erstmal schon ein Schritt in die richtige Richtung. Das Tool, das ich verwende, ist für mich - und scheinbar auch für dich, Lucas - irgendwie gut, aber daran hängt es nicht.

Lucas Dohmen: Ich glaube, das ist auch eine Sache mit dem Wechseln seines Organisationstools, dass man denkt: Jetzt wird alles besser, weil ich jetzt das neue Tool habe. Ich glaube, dass das schlussendlich nie der Grund ist, warum man das nicht hinbekommt. Man kann das genauso mit Reminders von Apple machen oder mit einem Blatt Papier. Was mir oft hilft, ist, wirklich in regelmäßigen Abständen nochmal alles, was in meinem Kopf herumschwebt, auf ein Blatt Papier aufzuschreiben, ohne das Tool. Um das abzugleichen: Was ist in meinem Kopf drin und was habe ich da verschriftlicht.

Gernot Starke: Ohne dass wir das vorher abgesprochen haben: Ich benutze dafür auch MindMaps. Ich habe neben meinem ‚Getting Things Done‘, mit dem ich Ziele und Aktivitäten sammle, habe ich noch eine MindMap, auf die ich sehr unstrukturiert einfach mal dumpe, was mir noch so einfällt. Die MindMap gibt mir auch einen ganz guten Überblick, was ich in den nächsten drei bis vier Wochen im Überblick erledigen möchte und mein ‚Getting Things Done‘-Tool verwende ich dann, um das im Detail auszuplanen und das halt besser zu tracken. Da stehen aber auch immer irgendwelche privaten Dinge drin.

Lucas Dohmen: Ja genau! Manchmal ist der Übergang ja auch fließend. Manche Dinge haben ja einen privaten Aspekt, aber auch einen Firmenaspekt. Die sind ja nicht so trennscharf.

Gernot Starke: Ich glaube bei vielen von uns in der IT ist das nur ganz schwer zu trennen, aber das ist halt sehr individuell.

Lucas Dohmen: Ein Beispiel wäre jetzt, dass du sagst, du schreibst ein Buch, was ja erstmal ein persönliches Ziel ist, aber gleichzeitig ist es ja auch etwas, das für INNOQ interessant ist. Das sind ja Dinge die durchaus zusammengehören.

Gernot Starke: Ja. Es geht um Software-Reviews, es hat also ganz eindeutig ein INNOQ-Label draufstehen. Der passende Primer dazu ist auch schon fast fertig.

Lucas Dohmen: Aber der Primer ist jetzt keine Prokrastination für das Buch, oder?

Gernot Starke: Nein, der war eher eine Vorbereitung. Ein Schritt.

Lucas Dohmen: Eine Sache, die mich in diesem Themenkomplex auch beschäftigt, ist das Thema Kontextwechsel. Gerade auf dem Computer oder im Handy sind soviele verschiedene Sachen, die Notifications werfen und vielleicht guckt man da nochmal in den Channel - wie gehst du mit Ablenkungen um, was ist da so deine Herangehensweise?

Gernot Starke: Es ist gut, dass du das nochmal ansprichst. Dieses Zaudern und Zögern ‚Ah, ich wollte doch das Bild von dem schönen Office noch posten!‘ und wenn ich das poste, sehe ich auch noch, was andere gepostet haben und so weiter. Ich bin selbst auf relativ wenigen sozialen Medien aktiv, ich habe im letzten Jahr - nehmt mir das bitte nicht übel - fast alle Menschen auf Twitter unfollowed, bei Facebook bin ich überhaupt nicht, ich habe auch keinen Instagram- oder Snapchat-Account, was nicht alle in meiner Familie unbedingt gut finden, dass ich das nicht habe, aber ich habe für mich gemerkt, dass ich sehr sensibel bin oder sehr schlecht darin bin, Kontexte zu wechseln. Wenn ich von einer Social-Media- oder sonst einer Aktivität abgelenkt werde oder schnell nochmal bei Spiegel Online irgendetwas aus der Politik nachlese, dann brauche ich immer wieder sehr, sehr lange, bis ich wieder in diesem Modus bin, zu programmieren oder zu dokumentieren. Eben meiner richtigen Arbeit nachzugehen. Soweit ich weiß, stehe ich da im Chor mit ganz vielen anderen Menschen, die sehr schlecht darin sind, den Kontext zu wechseln. Der Mensch ist nicht dafür optimiert, viele Dinge gleichzeitig oder parallel zu machen. Jetzt sind wir beide halt Männer, wir sind darauf optimiert, auf dem Baum zu sitzen und stundenlang auf den Löwen zu warten, den wir erlegen mussten. Das hat die Evolution halt mit uns gemacht. Da müssten wir uns in unserer heutigen Arbeitsumgebung auch ein Stück weit drauf einstellen, dass wir vielleicht, wenn wir uns konzentriert um ein Stück Software oder Source-Code kümmern wollen, dass wir dann möglichst viel anderes ausblenden, was uns ablenkt. Ich selbst habe sehr von einem schönen Artikel profitiert, wir schreiben das mal in die Shownotes: ‚Make your phone work for you not against you‘. Der hat mir ein paar Tipps gegeben, wie ich mein Telefon so konfiguriere, dass ich möglichst wenig abgelenkt werde, also dass mich dieses super-leistungsfähige Ding eher beim Erreichen meiner Ziele unterstützt, statt das zu verhindern. Wenn es euer Ziel ist, möglichst viele Facebook-Likes zu bekommen, dann kann ich mir überlegen, wieviel Zeit ich da pro Tag investieren möchte und kann mein Smartphone, meine Umgebung, auch darauf optimieren. Das kann man ja machen, das ist ja jedem selbst überlassen. Aber ich selbst habe Notifizierungen praktisch alle ausgeschaltet. Ich höre noch Anrufe, aber ich habe keine Notifications mehr auf meiner Email, ich habe keinen roten Bubble mehr, wenn ich eine Email kriege. Da kann man jetzt sagen: Aber dann weißt du doch gar nicht, dass du eine Email bekommen hast! Doch, alle paar Stunden mache ich mal mein Email-Tool auf und gucke nach, ob etwas Wesentliches dabei ist. Es muss ja jeder für sich selbst wissen, wie man das organisiert, aber ich habe für mich selbst versucht, diese Kontextwechsel zu reduzieren und mir mehr produktive Zeit zu schaffen. Und das kann durchaus etwas sein wie - eines meiner Ziele ist, dass ich ab und zu mal einen Krimi fertig lesen möchte - wie ruhige und ungestörte Zeit, in der ich diesen Krimi lesen kann.

Lucas Dohmen: Wir hatten im Vorfeld ja auch über das Thema Nachrichten gesprochen, das ist ja auch so ein Thema. Wenn man sich sehr intensiv mit dem Weltgeschehen auseinandersetzt, dann kostet das einfach sehr, sehr viel Zeit. Wie gehst du denn damit um? Man möchte ja vielleicht für sich eine Balance finden zwischen ‚Gar nicht informiert sein‘ und ‚Aus diesem Strom an Informationen gar nicht mehr rauskommen‘.

Gernot Starke: Ich habe letztes Jahr mal versucht, eine totale Nachrichtendiät zu machen, also Spiegel Online gelöscht, die Handelsblatt-App gelöscht, mir einen Blocker eingerichtet, um Spiegel und andere Websites wirklich hart zu blockieren, ich habe Geld für ein Tool bezahlt, das mich selbst diszipliniert und habe aber dann nach fünf bis sechs Monaten festgestellt, dass das ein bisschen zu schlimm ist. Mein Handelsblatt-Abo habe ich wieder aufgenommen, gehe aber recht bewusst damit um. Ich versuche mir wirklich die zwanzig Minuten bis halbe Stunde an Zeit dafür zu nehmen, Themenblöcke zu lesen, die ich für mich interessant finde. Ich lese Zeitungen nicht gerne von A bis Z komplett. Da sind für mich persönlich einfach zu viele Themen enthalten, die mich nicht interessieren, die nicht in meinem Zielfokus sind. Ich finde zum Beispiel das Thema ‚Erneuerbare Energien‘ und das ganze Thema Umwelt interessant, da möchte ich durchaus auch ein bisschen Zeit investieren, da ein bisschen den Einblick zu behalten, es gibt aber anderen Themen, wo ich sage: Nee, das will ich eigentlich nicht. Die will ich dann eben lieber nicht lesen. Ich glaube, da kann auch jeder mit relativ wenig Aufwand mal für sich selbst scannen, was die Themen sind, wo es zu den eigenen Zielen gehört, à jour zu bleiben. Dass ich da auch ein bisschen Bescheid weiß. Wir haben Nachbarn, die ein Faible für Südamerika haben, die sehr fokussiert Nachrichten aus und über Südamerika lesen, Publikationen aus Südamerika abonniert haben, die also einen ganz anderen Fokus haben. Das könnten wir ja auch machen, sagen: Wir lesen jetzt nur noch Elixir-News.

Lucas Dohmen: Auf der einen Seite habe ich viel von meinem Twitter-Lesen durch RSS-Lesen ersetzt - nachdem ich das lange nicht genutzt habe - weil ich diese Dinge einfach fokussierter lesen wollte. Es hat aber auch den Nachteil, dass man nicht manchmal diese Impuls kriegt, sich mit etwas zu beschäftigen, was außerhalb des Radars liegt, den man normalerweise hat. Hast du da auch Ideen, was tust du da?

Gernot Starke: Wenn es eines deiner Ziele ist ‚Ich möchte gerne Impulse haben‘, dann kannst du dir die Antwort jetzt selbst geben. Das kann ja dein Ziel für die nächsten drei Monate sein. Wenn du sagst: Ich habe gerade kein so anstrengendes Projekt, in dem ich arbeite, sondern habe ein bisschen mehr Freiraum, ich möchte jetzt in dem Freiraum ein paar Impulse kriegen, auch in die Breite, kannst du das so einrichten. Wir haben ja Kolleginnen oder Kollegen, die ihr Sabbatical, ihre paar Monate, genutzt haben und gesagt haben: Ich will gar keine Impulse, ich will ganz fokussiert Go programmieren. Das ist ja eine ganz andere Sache, das kannst du ja für dich so einrichten. Mach dir klar, was deine Ziele sind und wenn zu deinen Zielen ‚Ich will ständig neue Impulse kriegen‘ gehört, dann richte dir deine Umgebung halt so ein. Ich habe für mich festgestellt, dass ich nicht gut damit umgehen kann, wenn ich ständig zu viele neue Impulse kriege. Ich schränke die Zeit für neue Impulse zum Beispiel auf ‚Mal ein langes Wochenende, wenn wir sowieso frei haben, unterwegs sind und irgendwas machen‘ ein. Dann lasse ich wirklich alles auf mich einströmen, aber das kann ich nicht gut jeden Tag haben. Dann merke ich, dass ich ganz doll abgelenkt bin. Das mit dem Buch hatte ich die letzten zwei Jahre auch schon und zwischendrin habe ich eine Zeit lang noch sehr viel Twitter gelesen und das hat mich definitiv von diesem Buchprojekt abgehalten. Ich führe die Tatsache, dass ich es nicht geschafft habe, darauf zurück, dass ich zu viele Impulse in die Breite gekriegt habe.

Lucas Dohmen: Ja, verstehe. Ich glaube, das ist ein ganz guter Abschluss, einfach nochmal für sich selbst zu reflektieren: Was ist denn mein Ziel? Wo möchte ich fokussiert ein bestimmtes Ziel erreichen oder möchte ich mich ein bisschen inspirieren lassen von der Welt?

Gernot Starke: Das dürfen durchaus ein paar Ziele sein. Trennt das auch zwischen privatem und beruflichem. Das dürfen auch Ziele sein, die, wie wir schon gesagt haben, nicht allen Leuten in deinem persönlichen Umfeld besonders gut gefallen. Die müssen dir gefallen, es müssen deine Ziele sein.

Lucas Dohmen: Dann vielen, vielen Dank!

Gernot Starke: Schön, dass wir uns darüber unterhalten durften, herzlichen Dank auch fürs Zuhören!

Lucas Dohmen: Den Hörerinnen und Hörern: Bis zum nächsten Mal!

Gernot Starke: Bis zum nächsten Mal! Tschüss!

Lucas Dohmen: Ciao!