Podcast

Remote Work

Arbeiten in verteilten Teams

Diesmal befragt Lucas Dohmen unseren Kollegen Daniel Westheide zu seinen Erfahrungen mit "remote work", also dem Arbeiten von zu Hause oder allgemein in Teams, die über mehrere Standorte verteilt sind. Im Gespräch geht es unter anderem darum, welche Vor- und Nachteile das Arbeiten in verteilten Teams mit sich bringt und wie man Vorurteile gegen über dem Arbeiten im Homeoffice entkräften kann. Außerdem stellt Daniel einige konkrete Software-Tools vor, die das "remote" Arbeiten erleichtern können.

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Transkript

Lucas Dohmen: Hallo und herzlich Willkommen zu einer neuen Folge des innoQ-Podcasts. Heute sprechen wir über remote work. Zu Gast habe ich Daniel Westheide, hallo Daniel.

Daniel Westheide: Hallo.

Lucas Dohmen: Und bevor wir loslegen, kannst du dich mal ganz kurz vorstellen: Wer bist du und was machst du so bei innoQ?

Daniel Westheide: Ja, ich bin, wie gesagt, Daniel Westheide, ich bin Senior Consultant bei innoQ seit nun ungefähr vier Jahren und bin schwerpunktmäßig im Backend unterwegs, beschäftige mich viel mit Scala, habe dabei aber eben auch schon viel in remote-Teams gearbeitet.

Lucas Dohmen: Und was hat dich dazu bewegt, dich mit dem Thema remote work zu beschäftigen? Kommt das viel im Alltag vor? Oder kommt das von deiner Arbeit bei innoQ oder beim Kunden, wie sieht das?

Daniel Westheide: Auch schon vor innoQ habe ich zum Teil in Firmen gearbeitet, bei denen es remote-Konstellationen gab, aber seit innoQ ist das etwas, das im Alltag vermehrt vorkommt, dass man einerseits remote-Projekte hat von innoQ-Teams, die über mehrere Standorte verteilt sind, oder auch, dass man ein innoQ-Team hat, das mit Mitarbeitern eines Kunden zusammenarbeitet, bei dem sich der Kunde an einem anderen Standort befindet. Und innoQ selbst ist ja auch eine verteilte Firma: Wir haben ja Büros in mehreren Städten in Deutschland und in der Schweiz und deshalb ist das natürlich etwas, das uns als Firma auch abseits von Kundenprojekten prägt, würde ich sagen.

Lucas Dohmen: Und das ist auch der Grund, weshalb wir beide zum Beispiel jetzt gerade auch verteilt aufnehmen: Ich sitze in meinem Homeoffice in Bonn und du sitzt wo?

Daniel Westheide: Ich sitze gerade tatsächlich im Büro in Berlin, aber eigentlich auch nur, damit ich das Podcast-Equipment nutzen kann.

Lucas Dohmen: Alles klar. Und im Alltag, arbeitest du da aktuell auch viel im Homeoffice oder ist das eher selten?

Daniel Westheide: In meinem aktuellen Projekt arbeite ich fast ausschließlich vor Ort, aber in den meisten vorherigen Projekten gab es mal mehr, mal weniger remote-Anteil und zwar mit unterschiedlichen Konstellationen, wie ich sie gerade schon erwähnt habe.

Lucas Dohmen: Und hast du darauf selber als Consultant Einfluss, ob du viel remote arbeiten kannst oder nicht, liegt das eher bei der Firma?

Daniel Westheide: Zum Teil kann man das beeinflussen, aber bei manchen Kunden hat man da auch wenig Spielraum. Da musst du halt vor Ort arbeiten, bekommt man gesagt, und da gibt es auch keine andere Option.

Lucas Dohmen: Bei mir war das auch schon so, dass bei vorherigen Arbeitgebern oder auch bei einem der Kunden die Annahme war, wenn man remote arbeitet, dass man dann faul herumsitzt und nicht wirklich arbeitet. Was ist da deine Erfahrung mit?

Daniel Westheide: Das ist auf jeden Fall ein beliebtes Vorurteil, das habe ich auch so gesehen in meiner bisherigen Projektarbeit und auch bei anderen Firmen. Aber das ist natürlich etwas, das man leicht entkräften kann. Denn einerseits habe ich schon oft genug erlebt, dass Leute, die vor Ort gearbeitet haben, tatsächlich faul waren und der Chef hat es trotzdem nicht mitbekommen. Und andererseits lässt sich, auch wenn man remote arbeitet, eigentlich sehr gut sehen, ob man etwas geschafft hat. Gerade als Software-Entwickler, finde ich, gibt es da eigentlich ganz gute Möglichkeiten, sichtbar zu machen, was man geschafft hat.

Lucas Dohmen: Und wie siehst du das als das Gefühl von den remote workern, dass manche sich da vielleicht etwas unsichtbar fühlen als remote worker?

Daniel Westheide: Ich kann das auf jeden Fall nachvollziehen. Gerade in einer Konstellation, bei der es nur wenige remote-Arbeitende gibt und der größte Teil des Teams oder der Firma sich an einem Standort im Büro befindet. Da gibt es dann schon manchmal das Gefühl, etwas unsichtbar zu sein, weil man eben nicht diesen direkten Kontakt hat. Aber da gibt es natürlich auch Maßnahmen, um dagegen zu steuern. Darüber können wir ja wahrscheinlich nachher noch sprechen. Ich denke, einerseits muss sich natürlich die Kommunikation sehr ändern, wenn man remote-Arbeitende dabei hat, um eben dieses Gefühl der Unsichtbarkeit zu verhindern. Und dafür gibt es entsprechende Möglichkeiten, über die wir vielleicht nachher noch reden können.

Lucas Dohmen: Okay. Kennst du noch andere Vorurteile oder Gründe, warum Leute keine remote work wollen oder haben möchten?

Daniel Westheide: Ich habe in der Vorbereitung zu dieser Podcast-Episode mal ein bisschen in Statista herumgewühlt und eine Umfrage gefunden, dass fast die Hälfte der deutschen Unternehmen Angst hat, dass die Produktivität der Mitarbeiter leidet, wenn sie remote arbeiten, weil sie sich eben nicht direkt mit den Kollegen austauschen können. Das hat mich irgendwie direkt an diese Großraumbürolegende erinnert: Dass nur wenn alle zusammensitzen und sich ständig miteinander austauschen können, dann dieser kreative Funke entsteht und das Besondere, diese Magie. Ich weiß nicht, das hast du bestimmt auch schon mal gehört. Das ist gerade in Startup-Kreisen, glaube ich, sehr beliebt, dieser Gedanke. Aber tatsächlich ist es ja so, dass Studien belegen, dass Mitarbeiter in Großraumbüros eher weniger produktiv sind. Und ich glaube, dass das gerade für Software-Entwickler gilt, weil man eben sehr schnell abgelenkt wird und es immer sehr viel Zeit braucht, bis man wieder hineinkommt in den Flow.

Lucas Dohmen: Ich glaube, dass das auch ganz stark eine Typsache ist von den Personen, womit sie sich wohler fühlen.

Daniel Westheide: Ja. Und es ist ja nun auch nicht so, dass die Mitarbeiter sich nicht austauschen können, wenn sie remote arbeiten, zumindest, wenn die Firma eine entsprechende remote-Arbeitskultur entwickelt hat.

Lucas Dohmen: Lass uns etwas später noch mal über die Ideen, wie man das verbessern kann, sprechen. Aber erst mal: Was spricht denn aus deiner Sicht dafür, remote work auszuprobieren oder auch zu fördern als Form.

Daniel Westheide: Eine Sache ist natürlich, dass es leichter ist, dann gut qualifizierte Mitarbeiter zu finden, meiner Meinung nach. Denn man muss eben nicht mehr nur lokal an seinem Standort suchen beziehungsweise versuchen muss, Leute dazu zu überreden, zum eigenen Standort umzuziehen, was ja nicht immer so leicht ist, wenn man vielleicht nicht den attraktivsten Standort hat als Firma. Und es gibt ja auch Leute, die eben einfach nicht willens sind, für den Job umzuziehen, oder eher sogar nicht in der Lage, weil sie vielleicht an dem Ort Familie haben oder weil sie es sich aus finanziellen Gründen nicht leisten können zu diesem Standort der Firma umzuziehen. Da gibt es ja vielerlei Gründe, weshalb man vielleicht nicht umziehen will oder kann. Und so kann ich meinen Pool an potentiellen Mitarbeitern natürlich stark erweitern, wenn ich bereit bin, mit Leuten zusammenzuarbeiten, die nicht in meinem eigenen Büro sitzen.

Ansonsten finde ich, dass es vielleicht dadurch auch ein Beitrag für mehr Diversität sein kann, weil eben Leute in die Lage versetzt werden, für eine Firma zu arbeiten, die vielleicht sonst nicht zu ihr ziehen könnten. Und das sind dann vielleicht auch Gruppen, die unterrepräsentiert sind, üblicherweise. Eine weitere Statista-Studie, die ich recherchiert habe, hat tatsächlich herausgefunden, dass die intrinsische Motivation von Mitarbeitern erhöht wird, wenn sie remote arbeiten, und das auch zu einem höheren Arbeitseinsatz führt. Das ist eigentlich dann tatsächlich eine Entkräftung dafür, dass die Mitarbeiter faul sind, wenn man sie nicht kontrollieren kann, wenn sie zu Hause herumhängen. Genau.

Lucas Dohmen: Und wie sieht das mit den Kosten aus? Kann man da Kosten sparen, verursacht das zusätzliche Kosten? Was ist da deine Erfahrung oder etwas, was du herausgefunden hast bei deiner Recherche?

Daniel Westheide: Das basiert jetzt weniger auf Recherche, aber ich denke, wenn man konsequent remote-Arbeit durchführt und sich darauf einlässt, lassen sich eigentlich massiv Kosten sparen, weil man viel weniger Büroraum benötigt, vielleicht sogar gar kein richtiges Büro. Ich meine, ich finde es eigentlich wahnsinnig, wieviel Platz in unseren Städten für Büroraum verwendet wird, wo die Leute dann jeden Tag aus den Vororten in die Stadt hineinfahren und wieder hinaus. Also nicht nur Büroraum, sondern dann auch die entsprechenden Parkplätze. Und deswegen glaube ich, dass es eigentlich, wenn man es flächendeckend einführen würde, auch positive ökologische und vielleicht auch soziale Verbesserungen mit sich bringen würde. Aber das ist rein spekulativ von mir, weil ich da sicherlich die größeren Zusammenhänge jetzt auch nicht gut durchschauen kann, was für einen Einfluss das hätte, wenn man flächendeckend remote arbeiten würde.

Lucas Dohmen: Und wie entwickelt sich das in Deutschland? Machen jetzt mehr Leute remote als früher oder ist das gleichbleibend?

Daniel Westheide: Ich denke, dass es mehr wird: 2014 waren in 20 Prozent der deutschen Unternehmen Mitarbeiter, die zumindest teilweise von zu Hause aus arbeiten konnten, und zwei Jahre später waren es schon 30 Prozent. Neuere Zahlen habe ich dazu noch nicht gefunden. Aber generell scheint es ein Trend zu sein, der sich auch im Übrigen in Änderungen im Arbeitsrecht niederschlägt, zumindest bei unseren Nachbarn in den Niederlanden. Denn dort haben Arbeitnehmer mittlerweile auch einen Rechtsanspruch auf Homeoffice.

Lucas Dohmen: Was für Konstellationen oder Arten von remote work kennst du? Arbeiten alle an einem Ort, arbeitet nur einer weiter weg, was kennst du so?

Daniel Westheide: Eine Konstellation, die ich erlebt habe, ist, dass alle eines Teams tatsächlich remote arbeiten. Dann gibt es noch die Möglichkeit, dass Teile eines Teams in einem Büro arbeiten und andere von zu Hause. Was ich aber auch erlebt habe, ist, dass es innerhalb einer Firma einfach mehrere Standorte gibt. Man könnte jetzt verschiedene Teams haben, die jeweils an einem Standort sind, aber ich habe auch schon erlebt, dass tatsächlich die Teams über beide Standorte verteilt waren, also mehrere Teams verteilt werden. Und bei diesem Setup, bei dem eigentlich nur wenige Leute remote arbeiten und die meisten sich im Büro befinden, da gibt es natürlich schon Probleme: Man kennt das ja so mit dem Flurfunk, Kaffeepausen usw. oder auch nur gemeinsames Mittagessen. Da fließen viele Informationen, die dann die wenigen remote-Mitarbeiter vielleicht nicht mehr so mitbekommen.

Lucas Dohmen: Okay, das Problem besteht eher, wenn es wenige remote worker sind?

Daniel Westheide: Genau. Weil einfach die anderen weiterhin in ihrem gewohnten Setup sind, dass sie zusammen vor Ort sind. Dann kann es schon leicht passieren, dass man einfach vergisst, dass es noch Leute gibt, die von all dem, was man da gerade bespricht, gar nichts mitbekommen. Das sind schon Herausforderungen, aber die sind auch lösbar.

Lucas Dohmen: Und der Flurfunk in einem vollständigen remote-Team, wie funktioniert der da? Gibt es da Kaffeepausen oder wie funktioniert das?

Daniel Westheide: Sollte es zumindest geben, meiner Meinung nach. Das ist halt die Herausforderung, dass man eben als Firma nicht nur sagt, wir akzeptieren remote work, sondern wir begrüßen das und fördern das mit allen Mitteln und passen unsere Kultur daran an. Man könnte zum Beispiel einen entsprechenden Chatraum einrichten, in dem man sich über Sachen austauscht, die jetzt nicht direkt etwas mit der Arbeit zu tun haben, um deine Teamkollegen auch auf einer persönlichen Ebene besser kennenzulernen. Und denkbar sind natürlich auch Video-Calls, in denen man nicht nur über die Arbeit spricht, sondern sich eben auch über andere Sachen austauscht. Das ist jetzt aber eher so die Sache, dass man sich mit den Teamkollegen auf einer persönlichen Ebene besser kennenlernt und versteht. Das ist auf jeden Fall wichtig, denn ohne persönlichen Kontakt kann man auch schwer Empathie für seine Teamkollegen entwickeln, meiner Meinung nach. Aber die andere Sache ist natürlich auch, dass Informationen ausgetauscht werden müssen. Und auch das kann man natürlich über Chaträume machen, aber empfehlenswert ist, finde ich, den Chat nur dazu zu nutzen, um dringende Angelegenheiten zu besprechen, die unbedingt synchron besprochen werden müssen. Und Informationen würde ich dann eher in so etwas wie ein Wiki auslagern, um dann dafür zu sorgen, dass jeder das auch mitbekommt.

Lucas Dohmen: Das hat dann ja vielleicht auch schon Vorteile für die neuen Kollegen, die sich dann schneller einlesen können, weil Informationen einfach niedergeschrieben sind und nicht nur in der verbalen Kommunikation existieren.

Daniel Westheide: Auf jeden Fall. Das habe ich aber auch schon in Firmen erlebt, wo es keine remote-Arbeit gab, dass da viel - wichtige Informationen - über E-Mail kommuniziert wurde und neue Kollegen haben natürlich keinen Zugriff auf das komplette E-Mail-Archiv vor ihrem Start in der Firma und dann waren solche Informationen auch einfach verloren. Deswegen ist so ein Wiki, meiner Meinung nach, auch wenn man nicht remote arbeitet, ohnehin eine sinnvolle Sache.

Lucas Dohmen: Okay. Und wie funktionieren Meetings in diesem Setup?

Daniel Westheide: Da gibt es mehrere Möglichkeiten, wovon aber meiner Meinung nach nur eine wirklich empfehlenswert ist. Was viele Leute machen, ist: Die Mehrzahl der Leute befinden sich in einem Meetingraum und es gibt eine Handvoll von remote-Arbeitenden, die hinzugeschaltet werden. Das ist natürlich etwas, was man gerne macht, wenn man in diesem Setup ist, wo nur wenige remote-Arbeitende sind und der Rest sich im gemeinsamen Büro befindet. Aber das bringt halt einige Probleme mit sich: Meistens sind für die remote-Arbeitenden, die hinzugeschaltet sind, die anderen Leute sehr schlecht zu hören. Da kann man zwar mit einem guten Mikrofon gegensteuern, aber trotzdem ist man immer so ein bisschen außen vor, wenn man zugeschaltet ist. Und eine Vielzahl von anderen Personen redet dann vielleicht noch gleichzeitig im Meetingraum; das funktioniert in der Regel nicht besonders gut. Deswegen finde ich, ist der Idealzustand, dass, wenn es ein Meeting gibt und mindestens ein Teilnehmer muss remote zugeschaltet sein, dass dann alle Teilnehmer sich quasi remote zuschalten über eine Videokonferenz. Das führt dazu, dass jeder quasi gleichgestellt ist im Meeting, die Leute sind besser zu verstehen. Ja, das ist so meine Erfahrung mit remote-Meetings.

Lucas Dohmen: Und wenn es jetzt einfach so ist, dass irgendwie fünf Leute doch am selben Ort sitzen und vier nicht, hast du da Tipps, was man dann trotzdem tun kann, damit es wenigstens nicht schief geht?

Daniel Westheide: Also man kann natürlich trotzdem versuchen, dass die Leute, die am gleichen Ort sind, sich in kleine „Zellen“ begeben und sich von da aus auch einwählen in ein Meeting, wenn die Büroräume das hergeben. In vielen Projekten, in denen ich war, gab es solche wirklich kleinen Konferenzräume für eine Person, die eigentlich nur noch für Telefonkonferenzen usw. gedacht waren. Ansonsten ist, wie gesagt, wenn man das nicht hat, essentiell, ein gutes Mikrofon zu haben. Wir haben da bisher ganz gute Erfahrungen mit Jabra gemacht, von der Tonqualität. Aber wichtig ist sicherlich auch, dass die Leute, die vor Ort sind, speziell darauf achten, die Leute mit einzubeziehen, die hinzugeschaltet sind.

Lucas Dohmen: Ein Problem dabei ist ja dann auch immer so ein bisschen der Augenkontakt: Dass die Leute, die vor Ort sind, sehen können, wer gerade spricht, und sich nicht so viel unterbrechen und die, die dann weiter weg sind, sich dann doch eher unterbrechen, oder?

Daniel Westheide: Genau, das ist auf jeden Fall auch ein Problem. Und ein anderes Problem ist eher technischer Natur. Darauf wollten wir eigentlich nachher erst kommen, aber es passt jetzt ganz gut. Wenn man remote-Meetings hat, muss natürlich auch eine gute Internet-Verbindung bestehen. Und das ist erstaunlich oft ein Problem und zwar nicht bei den zugeschalteten Leuten, die von zu Hause arbeiten, sondern in den Büros. Oft ist in den Büros die Internetverbindung so schlecht oder so langsam, dass die Audioqualität darunter leidet und vielleicht sogar die Videospur komplett ausgeschaltet wird. Und dann ist es natürlich nicht mehr möglich, den Augenkontakt zu haben.

Lucas Dohmen: Ja und gerade auch bei den Setups, bei denen dann kein externes Mikrofon dabei ist, die Leute dann irgendwie um ein Notebook herumstehen und versuchen, in die eingebauten Mikrofone von dem Notebook zu sprechen. Und man kann eigentlich nur die Person, die direkt davor sitzt, verstehen und die anderen nicht.

Daniel Westheide: Genau. Das ist ziemlich furchtbar und das sollte man auf jeden Fall vermeiden.

Lucas Dohmen: Und was ist, wenn das Team jetzt wirklich sehr distributed ist, also zum Beispiel Leute in den USA und Leute in Deutschland, welche Erfahrungen hast du damit gemacht oder was muss man da beachten?

Daniel Westheide: Da habe ich tatsächlich auch schon in einem Projekt gearbeitet, dass sich über mehrere Zeitzonen erstreckte: Es gab verschiedene Teams in Europa und ein Team in Asien. Ich denke, wenn einem so face to face-Meetings, wo man synchron kommuniziert, wichtig sind, ist es natürlich gut, wenn sich die Arbeitszeiten trotz der verschiedenen Zeitzonen ein bisschen überschneiden. Und dann kann man solche Meetings natürlich in die gemeinsame Arbeitszeit legen. Das funktioniert eigentlich ganz gut. Aber generell ist meine Erfahrung ohnehin, dass man, wenn man wirklich mit vielen remote-Mitarbeitern zu tun hat, dass man sich gar nicht mehr so viel auf synchrone Kommunikation beruft, sondern mehr asynchron kommuniziert.

Lucas Dohmen: Okay. Und das kann dann ja auch schon innerhalb einer Zeitzone helfen, für Leute, die verschiedene Termine und Lebenswandel haben, dass sie dann vielleicht trotzdem irgendwie zusammenarbeiten können, oder?

Daniel Westheide: Ganz genau. Das ermöglicht einem natürlich auch, ein bisschen flexibler zu sein, wann man genau arbeitet, selbst wenn man sich in der gleichen Zeitzone befindet. Aber wenn man jetzt verschiedene Zeitzonen hat, denke ich, könnte das vielleicht sogar einen Vorteil bringen, denn viele Leute arbeiten ja mit dem pull request-Modell.

Lucas Dohmen: Kannst du kurz erklären, was das bedeutet?

Daniel Westheide: Ja. Also eine Person arbeitet vielleicht an einem Feature und würde dann - man kennt das vielleicht von GitHub - würde dann einen sogenannten pull request erstellen, bei dem dann andere Personen einen code review machen können und Kommentare abgeben, Verbesserungsvorschläge. Einfach sicherstellen, dass umgesetzt wurde, was umgesetzt werden sollte, und die Qualität stimmt. Das ist eigentlich ein gängiges Modell, mittlerweile nicht nur, wenn man remote arbeitet, aber dann ist es, glaube ich, besonders sinnvoll. Und da denke ich, wenn man in verschiedenen Zeitzonen ist, kann das sogar sinnvoll sein, denn wenn ich in der gleichen Zeitzone bin, ist meine Erfahrung, dass ich oft ein bisschen blockiert bin dadurch, dass ich warte, dass mein pull request von anderen Teammitgliedern angeschaut wird, die aber gerade noch beschäftigt sind.

Lucas Dohmen: Also meinst du, es verändert sich so ein bisschen die Erwartungshaltung.

Daniel Westheide: Ja. Ich mache halt am Ende des Tages meinen pull request auf und am nächsten Morgen habe ich vielleicht schon das Feedback bekommen, auf das ich sonst die ganze Zeit warten würde.

Lucas Dohmen: Ja, okay. Und als remote worker, hast du da auch Herausforderungen oder Dinge, die man beachten sollte, oder Tipps?

Daniel Westheide: Also eine Sache ist auf jeden Fall, dass man sein Arbeits- und Privatleben klar trennen sollte. Das ist, gerade wenn man remote nicht in einem anderen Büro arbeitet, sondern wirklich von zu Hause aus, für manche Leute nicht so leicht. Dann kann es aber helfen, dass man sich dann trotzdem einen bestimmten Raum in seiner Wohnung sucht, in dem man arbeitet, dass man also jetzt nicht im Wohnzimmer oder im Schlafzimmer - schlimmstenfalls - noch arbeitet, sodass dann einfach schnell diese Grenzen verwischen.

Lucas Dohmen: Okay.

Daniel Westheide: Aber ich persönlich hatte eigentlich dieses Problem nie. Wenn ich von zu Hause aus arbeite, dann mag ich das eigentlich, dass ich in verschiedenen Räumen arbeiten kann: Mal auf der Couch, mal in der Küche. Aber für manche Leute ist das schon ein Problem, da muss man halt bewusst gegensteuern.

Lucas Dohmen: Und wie sorgst du dafür, dass du die richtige Menge arbeitest? Schaust du viel auf die Uhr oder wie funktioniert das?

Daniel Westheide: Also ich schaue eigentlich genauso auf die Uhr, wie wenn ich auch im Büro bin. Das ist jetzt vielleicht unser spezielles Consultant-Ding, weil wir sowieso immer auf die Uhr schauen müssen, weil wir abrechnen müssen. Aber auch wenn man jetzt in einer Firma fest angestellt ist, denke ich, dann ist es ja kein großes Ding, einfach auf die Uhr zu schauen. Ich hatte jedenfalls nie das Problem, dass ich zu wenig arbeite, sondern was man oft hört, ist, dass die Leute irgendwie nicht aufhören können.

Lucas Dohmen: Weil sie da nicht diesen klaren Cut haben von nach-Hause-gehen, meinst du?

Daniel Westheide: Genau. Und wenn man das Problem hat, dann kann es eben helfen, innerhalb seiner Wohnung vielleicht einen bestimmten Raum zu haben, in dem man arbeitet, und natürlich auf die Uhr zu schauen.

Lucas Dohmen: Du hattest eben schon die Internetverbindung erwähnt. Welche anderen technischen Herausforderungen gibt es als remote-Worker? Oder coole Tools, die da helfen können?

Daniel Westheide: Eine Sache, die gerade in der Softwareentwicklung interessant ist: Wenn man jetzt nicht mit pull request und code reviews arbeitet, ist ja die Alternative oft, dass man pair programming machen möchte. Das funktioniert natürlich ziemlich gut, wenn man vor Ort ist, kann aber eine Herausforderung sein, wenn die Mitarbeiter alle verteilt sind. Da gibt es natürlich verschiedene Möglichkeiten, wie man das trotzdem hinbekommen kann. Die Hacker-Lösung, meiner Meinung nach, ist da tmux. Das funktioniert allerdings nur im Terminal. Das heißt, ich kann dann zum Beispiel mit Vim meinen Code bearbeiten.

Lucas Dohmen: Magst du uns kurz erklären, was tmux ist?

Daniel Westheide: Man kann eine shell session öffnen und darin können sich aber mehrere Leute verbinden.

Lucas Dohmen: Und dann kann ich sehen, was du in diese shell session hinein tippst?

Daniel Westheide: Genau.

Lucas Dohmen: Okay.

Daniel Westheide: Und das ist jetzt ganz grob erklärt, ich bin da auch kein tmux-Experte, aber so kann man das grob beschreiben. Und dadurch sind natürlich nur so Editoren wie Vim möglich oder Emacs, die im Terminal laufen. Der Vorteil ist eine sehr geringe Latenz, aber es gibt ein paar Sicherheitsprobleme. Das heißt, wenn man das so einrichten will, dass sich nicht beliebige Leute mit einer Session verbinden können, dann muss man da ein paar Sachen beachten. Das ist nämlich nicht unlösbar, aber das muss man halt bedenken, wenn man das nutzen möchte. Aber dadurch, dass man eben auf das Terminal beschränkt ist, ist das ohnehin, glaube ich, eine Lösung, die vielleicht nicht so Mainstream-tauglich ist.

Lucas Dohmen: Und was gibt es für Mainstream-tauglichere Lösungen?

Daniel Westheide: Ich habe ziemlich gute Erfahrungen mit Screenhero gemacht, das wurde ja vor einiger Zeit von Slack übernommen. Und seitdem habe ich es auch noch nicht wieder benutzt. Ich weiß gerade nicht, ob man das aktuell noch so benutzen kann, wie das damals war. Da hat man ein screen sharing, bei dem man aber auch eben quasi die Tastatur des anderen bedienen kann. Also ich kann tippen und das erscheint dann bei dir, wo gerade dein Cursor ist, du kannst sehen, was ich da getippt habe. Das hat ganz gut funktioniert. Aber das ist natürlich Screen-Sharing-Technologie, das ist natürlich ein komplett anderer Ansatz.

Lucas Dohmen: Und das hat dann nicht den Vorteil der geringen Latenz, oder?

Daniel Westheide: Genau. Das war irgendwie schon erträglich, aber im Vergleich zu tmux ist das natürlich ein bisschen langsamer. Und manchmal, je nach Internetverbindung, ist das Bild dann natürlich auch ein bisschen pixelig oder so zwischendurch, das kann dann passieren.

Lucas Dohmen: Okay. Und gibt es sonst noch weitere Lösungen für „Nicht-Terminal-Menschen“?

Daniel Westheide: Ganz, ganz neu - das befindet sich, glaube ich, noch in der frühen Beta-Phase, meines Wissens nach - ist Teletype. Das ist ein Plug-in für den Atom-Editor und erlaubt eine Echtzeitkollaboration mehrerer Teilnehmer. Das heißt, wenn ich das Plug-in installiert habe, kann ich im Atom-Editor ein sogenanntes portal eröffnen, so heißt das, glaube ich. Und dann kann ich diese portal-ID mit meinen Teamkollegen teilen. Was dann passiert, ist, dass sich in ihrem Atom-Editor ein Tab öffnet, in dem sie genau die gleichen source code-Files sehen und editieren können wie ich. Und was sie dort editieren, kommt dann bei mir direkt an und umgekehrt. Und das funktioniert ziemlich gut, hat auch eine ziemlich geringe Latenz. Wir haben das ja auch schon zusammen ausprobiert und es hat eben auch nicht diese Sicherheitsprobleme von tmux, denke ich.

Lucas Dohmen: Was ich daran auch ganz interessant fand, war, dass ja jeder in seinem Editor seine Einstellungen behält, also sowohl das color scheme als auch die Schriftgröße. Also wenn jetzt eine Person von den beiden gerne eine größere Schriftgröße hat, weil sie zum Beispiel schlechtere Augen hat, dann kann die Person einfach ihre große Schriftgröße einstellen und die andere bevorzugt kleine Schriftgrößen, kann ihre klein machen. Das ist unabhängig von…

Daniel Westheide: Das ist auf jeden Fall auch noch ein Vorteil, genau. Soviel ich weiß, ist der Plan langfristig, dass Teletype nicht nur für Atom verfügbar sein wird. Das ist ja auch Open Source; das wird, glaube ich, schon darauf abgezielt, dass das langfristig vielleicht auch in anderen Editoren eingesetzt werden kann. Und es wird auch noch nicht als feature complete betrachtet. Das macht bisher eben nur das gemeinsame editieren eines Texts, aber langfristig ist, glaube ich, das Ziel, dass auch eine Audiospur zur Verfügung steht, was man jetzt momentan eben noch separat machen müsste über andere Lösungen.

Lucas Dohmen: Genau. Wir hatten, glaube ich, das Audio über Slack gemacht und den Text dann über Atom.

Daniel Westheide: Genau. Aber das ist natürlich etwas, was tmux wieder genauso wenig zu bieten hat. Da ist jetzt Screenhero die einzige Lösung, die das all inclusive anbietet, sozusagen.

Lucas Dohmen: Cool. Fallen dir sonst noch technische Herausforderungen ein oder Tipps?

Daniel Westheide: So an technischen Herausforderungen war es das eigentlich, glaube ich. Was vielleicht noch interessant ist über Teletype für uns Softwareentwickler, ist, dass das auch interessant implementiert ist. Bei Google Docs und Etherpad zum Beispiel wird ja auf operational transforms gesetzt, um dieses gemeinsame editieren zu ermöglichen. Und Etherpad verwendet da CRDTs, also Conflict-free replicated data types. Ich bin mir nicht sicher, die kommen vielleicht sogar auch schon in einem unserer Podcasts vor.

Lucas Dohmen: Ja, in der letzten Folge zu distributed databases.

Daniel Westheide: In der letzten. Sehr schön. Also da sieht man dann einen praktischen Use Case für CRDTs.

Lucas Dohmen: Cool.

Daniel Westheide: Das ist natürlich nur eine Randnotiz, das hat nicht wirklich etwas mit dem remote work-Thema zu tun.

Lucas Dohmen: Aber es erklärt vielleicht, warum es auch so schnell und flüssig funktioniert.

Daniel Westheide: Ja, genau.

Lucas Dohmen: Okay, dann würde ich sagen, zusammenfassend: Was würdest du den Leuten mit auf den Weg geben, wenn sie sich vielleicht mal remote work anschauen wollen, das für ihre Firma einführen wollen. Was hast du da zusammenfassend für einen Tipp?

Daniel Westheide: Einführend finde ich das Buch „Remote: Office Not Required“ ziemlich gut. Das wurde von den Basecamp-Leuten herausgegeben. Es gibt auch von Trello einen Leitfaden, der heißt „Why great teams embrace remote work“, den man sich als PDF herunterladen kann. Trello ist halt auch eine Firma, die sehr auf remote-Arbeit setzt und die das ja mit ihrem Tool selber auch unterstützen wollen. Trello ist ein Taskboard, für die, die das nicht kennen. Und interessant ist vielleicht, dass es mittlerweile sogar eine Konferenz zum Thema remote-Arbeit gibt, die nennt sich „Running Remote“, findet, glaube ich, im nächsten Jahr statt. Ich denke die Links zu allen diesen Ressourcen können wir ja dann noch in die Shownotes packen.

Lucas Dohmen: Ja, das machen wir.

Daniel Westheide: Ansonsten kann ich zusammenfassend sagen, dass es auf jeden Fall Herausforderungen gibt, wenn man remote work einführen möchte. Die größte Herausforderung für die Firma ist wahrscheinlich, sich wirklich komplett darauf einzulassen, weil das eben auch eine Änderung der Firmenkultur erfordert.

Lucas Dohmen: Cool. Dann danke ich dir für all diese interessanten Ansichten und Informationen -

Daniel Westheide: Gerne.

Lucas Dohmen: - und hoffe, dass ich dich bald mal wieder im innoQ-Podcast interviewen darf.

Daniel Westheide: Ja, ich bin auf jeden Fall dafür zu haben.

Lucas Dohmen: Super. Und dann den Hörern: Bis zum nächsten Mal beim innoQ-Podcast. Auf Wiedersehen.